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Haltung – die Kunst der Verbindung im Kontakt

Okt 20, 2022

Dieser Text ist entstanden, als ich in einem ruhigen Moment auf mein Wirken als Sozialpädagogischer Leitung und Mitinhaberin eines Trägers in der Kinder- und Jugendhilfe geschaut habe und mir einmal mehr meiner Werte bewusst wurde- und vor allem der Dringlichkeit, sie aus vollem Herzen und ohne Einschränkung leben zu können.

Wahrhaftigkeit, Authentizität, Empfindsamkeit, Freiheit

Dies ist im Rahmen der Jugendhilfe, wenn es um Verhandlungen für Menschen geht, die jegliche vorhandene Lösungen und Schubladen sprengen, weil sie neue, innovative Wege beschreiten wollen und schlichtweg dem bestehenden System entwachsen sind, nicht immer möglich gewesen, zum Ende immer weniger. Es war ein Tanz auf schmalem Grat als Grenztänzerin.

Junge Menschen, sehr weise Seelen, die gesehen und gehört werden wollen und so einige vermeintlich „Wissende“ an ihre Grenzen gebracht haben.

Diese Menschen weisen uns alle darauf hin, „out of the box“ zu denken und vor allem frei zu fühlen. Und dem, was ist, einen authentischen und wahrhaftigen Ausdruck zu geben.

Wie häufig sind wir es, die meinen zu wissen.

Statt einfach nur da zu sein und zuzuhören. Den vorgehaltenen Spiegel auch mal auszuhalten. Den eigenen Schmerzpunkt, Resonanzpunkt in mir wahrzunehmen ohne gleich aus ihm zu fliehen.

Und dann so mutig zu sein und Haltung zu zeigen, indem ich das, was ich von meinem Gegenüber erfahre, für den ich damals einen Auftrag hatte, ernst zu nehmen und gemeinsam mit ihm und im tiefen Vertrauen, dass sich der Weg beim Gehen und Hinfühlen zeigen wird, gehe.

Die jetzige Zeit braucht in der Begleitung von Menschen Persönlichkeiten, die aus ihren tiefen inneren Werten heraus Haltung zeigen und mit Haltung Kontakt gestalten. Die in den Verhandlungen für die sog. Systemsprenger, den Seismographen unserer Zeit ohne Oberlimit sitzen und erstmal alles für möglich halten. Die nicht in ihren Köpfen nach Lösungen suchen, sondern als allererstes ihrer Intuition zuhören und ihr vertrauen. 

Anmerkung: der Verstand ist eine gigantische Datenbank der Vergangenheit. Er kann nur auf vergangene Erfahrungen zurückgreifen!

Menschen, die ihr eigenes Bewusstsein schulen, damit für sie freie Begegnungen überhaupt möglich sind. Nur wenn ich mich selbst beobachten kann, mich über mich selbst als Beobachterin hinausheben kann, sind mir Entscheidungen mit Tragweite möglich. Entscheidungen, die meinem Gegenüber, dem Jugendlichen an meiner Seite ermöglichen, dass er seine Flügel ausbreiten, seine Gabe zeigen und entfalten kann.

Das bedeutet für all die „Helfenden“ in den sozialen Berufen auch, dass sie sich selbst fragen:

Aus welcher tiefen Intention heraus helfe ich? Wie gestalte ich Unterstützung? Sehe ich den Menschen, den ich begleite, als Partner, mit dem ich eine gemeinsame Reise antrete ohne dass ich für ihn die Verantwortung übernehme? Übernehme ich für mich die volle Verantwortung und habe ich ein Gefühl dafür, was Vollverantwortung für mich selbst und mein Leben bedeutet?

Dann wird mir klar, dass ich Menschen nicht helfe, indem ich nach schnellen Lösungen suche, sondern indem ich für sie eine Inspiration bin. Indem ich eine authentische Persönlichkeit mit eigenen tiefen Werten bin, die Haltung lebt. Dass ich auch mal der Ratlosigkeit, meinen eigenen tiefen Empfindungen Raum gebe und die Stille aushalte. In ihr liegt der Schlüssel. In den puren Momenten.

Lasst Euch von euren eigenen leisen, kleinen wachen Momenten inspirieren, in denen sich vielleicht ein eindringlicher Impuls zeigt- fernab von Konzepten und Verstand. Folgt ihm. Nehmt eure ersten Impulse aus eurem tiefen Sein ernst. Wenn eure Seele zu euch spricht mit ihrer Weisheit und ihrem feinen Gespür, das über den Verstand und das greifbare weit hinaus geht.

Feiert euch selbst für jeden Moment, in dem Euch das gelingt, in dem ihr in einer Verhandlung, einem Hilfeplangespräch sitzt und nicht nur einen Fall verwaltet oder euch den eigenen und den äußeren Limitierungen hingebt, sondern eure Impulse für zeitgemäße neue Wege teilt und mit eurem inneren Feuer präsentiert und eurem Gegenüber zumutet.

Und etwas noch ganz Wesentliches leitet mich heute:
Der Weg geht da lang, wo es sich in mir weit und freudvoll anfühlt.

So, nun aber zum eigentlichen Text 😊
Viel Freude und Inspiration beim Lesen.

Haltung- die Kunst der Verbindung im Kontakt

Was ist es, was Begegnung zwischen Menschen so wertvoll macht? Was wünschen sich Menschen, die wir in unserem beruflichen Zusammenhang begleiten dürfen? Welches Bild zeichnet sich bei genauerer Betrachtung?

Es ist mehr als ein Fahrplan, eine Zielvereinbarung, ein Hilfeplan. Für gelungenen Kontakt, der nährend ist und wegweisend, gibt es keinen Plan. Nur die eigene bewusste innere Haltung.

Was bedeutet das genau?

Haltung im Kontakt bedeutet:

  • Ich kenne das Gefühl meiner eigenen inneren Aufrichte
  • Ich reflektiere mich fortwährend
  • Ich kenne meine Werte, nach denen ich mich in einem fortlaufenden Abgleich ausrichte
  • Ich lebe im derzeitigen Moment
  • Ich konzentriere mich auf jeden einzelnen Kontaktmoment
  • Ich übe mich in Gleichzeitigkeitsbewusstsein- nehme mich wahr während ich mein Gegenüber, meine Umgebung wahrnehme
  • Ich kenne meine Ressourcen
  • Ich kenne meinen ureigensten Wert
  • Ich arbeite mit dir des Prozesses willen – nicht aus selbstbezogenen Gründen
  • Ich glaube an Wunder und lasse zu, dass sie geschehen

Professionalität zeichnet sich häufig dadurch aus, äußere Regelwerke zu installieren. Sie sollen Orientierung geben und Verbindlichkeit sichern. All dies hat seine Berechtigung. Was dabei aber bleibt ist die Frage nach der Kontaktqualität und inneren Haltung im Kontakt. Alle Menschen, besonders hochsensible und traumatisierte Menschen sind darauf angewiesen, auf Haltungsebene abgeholt zu werden. Bevor sie neue Wege gehen können brauchen sie ein:

„Ich sehe dich. Ich bin da.“

Grade in Krisen kommt es in erster Linie auf die menschliche Qualität und Virtuosität in der Gestaltung des Kontaktes an. Zieht man sich auf die formale Ebene zurück, kommt das in vielen Familien, die wir begleiten, einer Bindungsretraumatisierung gleich. Unsere Aufgabe ist es – gerade in der heutigen Zeit – immer mehr auf den Sinn des großen Ganzen zu achten.

Wir Menschen sind immer mehr dazu aufgefordert, darauf zu schauen und Entscheidungen fern ab vom eigenen Ego darauf ausgerichtet zu treffen.

Das letzte Jahr hat gezeigt, wie fragil äußere Sicherheiten sind.

Klarheit bedeutet in keinster Weise Härte. Ich kann mit offenem Herzen und einer inneren Offenheit glasklar kommunizieren, was ich gedenke, was in diesem Moment dran ist.

Ich habe viele Menschen begleitet, die Entwicklungs- und Bindungstraumata aus ihrer frühkindlichen Geschichte mitbringen. Sie sind darauf angewiesen, dass wir in Co regulieren, also ihnen einen Menschen zur Verfügung stellen, mit dem sie gemeinsam auf gesunde Art regulieren lernen dürfen. Nur so lässt sich Bindung neu lernen.

Viele Kinder und Jugendliche der heutigen Zeit werden als sogenannte Seismographen der heutigen Zeitqualität bezeichnet. Sie bringen eine besondere Sensibilität für das mit, woraus es ankommt. Sie befinden sich in gesellschaftlichen Zwischenräumen, die noch nicht beschrieben sind- werden fatalerweise abgestempelt, um in vermeintliche Schubladen und – völlig veraltete – Systeme zu passen. Dabei tun sie nichts weiter als an ein Gegenüber mit Haltung zu appellieren. Sie weisen auf gesellschaftliche und zwischenmenschliche Missstände hin. Die Frage ist nur, wer als Erwachsener so viel Mut besitzt, die Wahrheit zu hören. Denn sie würde auch uns den Spiegel vorhalten. Und das ist nicht immer angenehm. Ohne ihn findet jedoch keine Entwicklung statt.

Diese jungen Menschen brauchen uns mit unserer Haltung, mit unserem geöffneten Herzen, das Verletzlichkeit zulässt. Der Rest kommt dann von ganz allein.

Wenn mein Gegenüber das Gefühl hat, in seiner Einzigartigkeit gesehen zu werden, unabhängig von seiner äußeren Geschichte, dann habe ich mit ihm das Wesentlichste zwischen Menschen erreicht. Wir vermitteln nicht Konzepte, sondern Haltung und Sicherheit durch menschlichen Kontakt auf Augenhöhe.

Lasst uns immer wieder gemeinsam einen Schritt zurücktreten und neugierig und mit Achtung schauen, was sich im Moment zeigt.

– Für eine zeitgemäße Sozialarbeit, die über veraltete Grenzen hinwegzuschauen vermag, um Herzqualität(en) einzuladen. –

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